Glockenbergsschäferei
Glockenbergsschäferei

Hofgeschichte

von Verena Jahnke

1962 wurde mein Vater Gerd als erster Sohn meiner Großeltern geboren.

Meine Großeltern gingen beide arbeiten und im Nebenerwerb hielten sie sich am Anfang ca. 100 Schafe. Im Laufe der Jahre wurde der Bestand an Schafen langsam aufgestockt, sie hüteten auf den umliegenden Äckern der Bauern Kartoffeln und Zuckerrüben und an den Wegrändern Gras.

Mein Vater und sein 1 Jahr jüngerer Bruder halfen als sie alt genug waren  mit bei den Schafen. Für meinen Vater stand schon sehr früh fest, dass er auch einmal Schäfer werden wollte. Für meine Großeltern aber stand fest, das beide Söhne erst einmal etwas

,, ordentliches“ lernen sollten.

1978 begann mein Vater eine Lehre als Landmaschinenmechaniker. Die Lehre dauerte 3 ½ Jahre. Danach ging er dann direkt für 15 Monate zur Bundeswehr.

Fast zum Ende der Bundeswehrzeit stand fest das mein Großvater in Frührente gehen würde und da stellte sich dann die Frage was mit den Schafen passiert?!

Da mein Vater zu keiner Zeit aus den Augen verloren hatte, dass er Schäfer werden wollte übernahm er die kleine Nebenerwerbsherde von seinem Vater.

Mein Vater wollte dies aber Hauptberuflich tun.

Also machte er eine Lehre als Schäfer.

Als mein Vater 1984 die kleine Herde von seinem Vater übernahm, waren meine Eltern schon einige Jahre zusammen. In den ersten Jahren wohnten sie mit im Haus meiner Großeltern Väterlicherseits. 1987 zogen sie im gleichen Dorf in eine eigene kleine Wohnung, im selben Jahr heirateten sie dann auch. Im gleichen Jahr als mein Vater die Schafe übernahm pachtete er von seinem Vater den Stall und übernahm die Pachtverträge für die umliegenden Weiden. Mein Vater änderte das Konzept der Schäferei, er wollte nicht nur im Kleinen weiter machen er wollte die Herde weiter aufstocken.

Also kümmerte er sich um eine Sommerweide, die er dann 1984 in Wentorf bei Hamburg auf einem Truppenübungsplatz der Bundeswehr fand. Von da an wurden jedes Jahr im April, nach der Lammzeit die Schafe und Lämmer auf Lkws geladen und nach Hamburg auf die Sommerweide gefahren.

Mein Vater kaufte sich einen Wohnwagen und blieb dann in den Monaten von April bis September die meiste Zeit in Hamburg bei den Schafen. Aus Erzählungen meines Vaters weiß ich, dass in den ersten Jahren auf dem Übungsplatz viel los war. Der Wohnwagen stand direkt neben der Panzerwaschanlage (von dort bekam er Strom und Wasser) und jeden Tag waren eine Menge Soldaten mit Panzern oder zu Fuß auf dem Platz um dort ihre Übungen zu absolvieren.

1988 wurde mein Bruder und 1990 wurde ich dann geboren. Als wir noch kleiner waren und noch nicht zur Schule brauchten sind wir dann ab und zu mal nach Hamburg gefahren. 1995 trennte mein Vater sich vom  Elterlichen Betrieb und beendete das Pachtverhältnis. Von da an änderte sich fast alles, das einzige was blieb war die Sommerweide in Wentorf bei Hamburg. Es gab keinen Stall, keine Stalleinrichtung, keine Landwirtschaftlichen Maschinen, es gab keine Pachtflächen und es gab auch keine Unterkünfte für die Hunde mehr.

 Ein Jahr später kauften meine Eltern sich etwa 15 Kilometer entfernt in der Nachbar Gemeinde ein Haus und machten dieses zum Betriebssitz.

Von den Landwirten im Ort konnten sie in der nähe des Hauses ein paar Wiesen pachten und genau gegenüber vom Haus verpachtete der Eigentümer des Ackerlandes ein Stück von ca. einem  dreiviertel Hektar. Auf diesem Stück Land bauten meine Eltern Ende der 90 ziger Jahre einen Stall von etwa 400 Quadratmeter. Nach und nach kam dann noch ein Folienstall, 2 Kraftfuttersilos, 1 Hühnerstall für 30 Hühner, 1 Entenstall für 10-15 Enten und ein Pferdepaddok für meine beiden Pferde dazu. Desweiteren  werden jedes Jahr 4 Mieten für Heu und Stroh gemacht. Bei uns im Dorf gibt es eine Apfelsaftfabrik und jedes Jahr im August/September bekommen wir von dort ca. 80-90 Treckeranhänger voll mit Apfeltrester was wir als Miete auf dem Grundstück silieren.

Direkt am Haus wurden die ersten Zwinger für die Hunde gebaut, was sich im laufe der Jahre zu einer Kompletten Zwingeranlage mit 10 Zwingern und einem Wurfzwinger zur Welpenaufzucht von Deutschen Schäferhunden entwickelt hat. Seinen ersten Deutschen Schäferhund kaufte sich mein Vater 1984, es war eine Hündin und sie hieß Cati vom Blutbachtal. Diese Hündin bildete er selber an den Schafen aus und macht mit ihr auch die ersten Würfe. Heute kann er auf einige gute HGH (Herdengebrauchshunde) schauen die er alle selber gezüchtet und ausgebildet hat.

Aber alles andere ging auch weiter, 1997 wurde uns von der Gemeinde und der Firma Rheinmetall aus Unterlüß angeboten die umliegenden Heideflächen zu Pflegen. Da dieses natürlich nicht mit den Schafen ging, mussten Heidschnucken gekauft werden. Im Herbst 1997 holte mein Vater die ersten 50 Heidschnucken aus der Heidschnuckenherde in der Senne bei Bielefeld. Im Jahr darauf holte er noch mal welche dazu und vergrößerte die Herde dann nach  und nach mit der eigenen Nachzucht. Heute umfasst die Heidschnuckenherde ca. 500 Mutterschafe mit Nachzucht und 5 gekörten Böcken. In den letzten beiden Jahren haben wir von den 500 Mutterschafen 200 ins Herdbuch aufgenommen. In zusammen Arbeit mit dem Landkreis, der Gemeinde  und der Firma Rheinmetall pflegen wir heute mit der Heidschnuckenherde etwa 200 Hektar Heideflächen. In den Herbst und Wintermonaten werden die Heidschnucken im Umkreis von 10 bis15 Kilometern auf den Flächen der umliegenden Landwirte gehütet. Die Lammzeit bei der Heidschnuckenherde beginnt im März und geht bis Ende Mai, Anfang Juni.

In den 90 ziger Jahren wurde der Standort der Bundeswehr in Wentorf aufgelöst und geschlossen. Von da an übernahm das Bundesvermögsamt in Lübeck die Verwaltung des Übungsplatzes, das änderte einiges, wo vorher nur Soldaten auf den Platz durften kamen jetzt immer mehr Spaziergänger, Hundeleute und Reiter auf den Platz und nicht jeder nahm unbedingt Rücksicht auf den Schäfer und seine Schafe. Teilweise ließen die Leute ihre Hunde frei Laufen oder die Reiter ritten quer über die Flächen, was immer mal wieder zu kleinen Meinungsverschiedenheiten zwischen den Leuten und dem Schäfer führte. Im Jahr 2010 übernahm der Naturschutzbund (Nabu) Schleswig-Holstein  die Flächen vom Bundesvermögensamt. Am Anfang war nicht ganz klar was der Naturschutzbund mit den Flächen vor hatte (sollten Schafe drauf bleiben, oder lieber Rinder). Nach einigen Informationsabenden mit den Bürgern der umliegenden Gemeinden und einigen Gesprächen zwischen den Zuständigen des Naturschutzbundes und meinem Vaters bekamen wir dann Anfang 2010 wieder einen Pachtvertrag, zwar mit einigen Auflagen mit denen Mann aber Leben kann.

Noch mal zurück zu den Anfängen, als wir den Übungsplatz in Wentorf bei Hamburg übernommen hatten, lebte mein Vater in den ersten Jahren in den Sommermonaten sehr viel in Hamburg im Wohnwagen. Im Herbst (September- Oktober) zog mein Vater dann zu Fuß mit der Herde wieder Richtung Heimat. Am Anfang war es nicht ganz einfach den Richtigen Weg zu finden, er musste über die Elbe ziehen und Wege finden, die man ziehen durfte, musste Landwirte ausfindig machen die zu den Feldern gehörten, um die Schafe zu Hüten und zu Pferchen. Im Laufe der ersten Jahre fand mein Vater dann immer wieder neue, andere und teilweise auch bessere Wege die er im Herbst mit den Schafen von der Sommerweide in Richtung Heimat  ziehen konnte. So nach und nach lernte er dann auch die Landwirte kennen die es gerne und die die es nicht so gerne sahen, wenn der Schäfer mit seinen Schafen kam.

Am Anfang versorgte mein Vater die Schafe meistens ganz alleine. In den Herbstmonaten wenn es denn von der Sommerweide Richtung nach Hause ging fuhr meine Mutter mit,

mein Bruder und ich waren dann immer 1 bis 11/2 Wochen bei meinen Großeltern.

Im laufe der Jahre wurde die Anzahl der Mutterschafe  immer mehr so das der Platz in Wentorf nicht mehr ausreichte, 2005 übernahmen wir einen Deich von Winsen /Luhe bis Bullenhausen mit 55 Hektar.

Heute ist es so, das wir eine Lammzeit im Dezember zu Hause im Stall machen, die nächste Lammzeit fängt dann Mitte März an. Alle Schafe die im März lammen werden in 2 Gruppen Mitte bis Ende April an den Deich gebracht. Eine Gruppe besteht aus den Schafen mit Einzellämmern und die andere Gruppe sind die Mutter mit den Zwillingen. Die 3te Lammzeit ist dann im Mai auf dem Übungsplatz.

 

1992 machte mein Vater seine Meisterprüfung.

Heute im Jahr 2013 gut 20 Jahre später schreibe ich diese Hofgeschichte, für meine Meisterarbeit.

 

 

 

 

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© Renate Jahnke